12.12.2009
Es sind schwere Vorwürfe gegen die Bankenbranche: Milliarden aus dem Drogenhandel seien zur Hochzeit der Finanzkrise ins internationale Bankensystem geflossen, erklärt das Uno-Büro zur Verbrechensbekämpfung. So manches Geldinstitut verdanke den Geldern gar das Überleben.
London - Hat die Bankenbranche während der Finanzkrise 2008 massiv von Geld aus kriminellen Quellen profitiert? Nach Recherchen des Uno- Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (ONUDC) flossen im vergangenen Jahr Millionen und Milliarden aus dem internationalen Drogenhandel ins Finanzsystem.
Die Mittel aus der internationalen Kriminalität seien für manche Banken "in vielen Momenten das einzige flüssige Investitionskapital" gewesen, das zur Verfügung stand, sagte ONUDC-Leiter Antonio Maria Costa dem britschen "Observer". "Das war zu der Zeit, als das System praktisch paralysiert war wegen der Weigerung der Banken, sich untereinander Geld zu leihen."
Nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 war der sogenannte Interbankenmarkt, auf dem sich die Geldinstitute gegenseitig mit Kapital versorgen, schlagartig ausgetrocknet. Dabei ist der ständige Finanzfluss überlebenswichtig für die Branche, oft wird er als Blutkreislauf der gesamten Wirtschaft bezeichnet. In dieser Situation sollen Drogengeldern einigen Geldhäusern über die Runden geholfen haben.
Costa sagte, er sei zum ersten Mal vor 18 Monaten von Nachrichtendiensten und Ermittlern darauf aufmerksam gemacht worden, dass Milliardengelder aus krimineller Herkunft auf diesen Markt geflossen seien. "Es gab Hinweise, dass manche Banken auf diese Weise gerettet wurden." Das Geld, das vornehmlich aus dem Drogenhandel stamme, sei auf diese Weise auch gewaschen worden. Nach Schätzungen der Uno werden weltweit im Drogenhandel weit mehr als 300 Milliarden Euro jährlich verdient.
Banker reagierten zurückhaltend auf die Erklärung. Sicher, im vergangenen Jahr sei auf den Geldmärkten viel zu wenig Kapital gewesen, sagte ein Sprecher des britischen Bankenverbandes dem "Observer" - doch er sei überzeugt: "Zu einem Großteil wurde dieser Mangel von den Notenbanken ausgeglichen."
Costa wollte nicht erklären, welche Länder oder welche Kreditinstitute im vergangenen Jahr im Einzelnen von solchen Mitteln profitiert haben. Seine Behörde sei dazu da, Probleme zu benennen - es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sagte der Drogenfachmann. Offenbar wurde er von Beamten aus der Schweiz, Großbritannien, Italien und den USA auf das Problem aufmerksam gemacht.
Inzwischen sei die Lage "sehr viel weniger ernst" als noch vor einigen Monaten, sagte Costa: Da die Finanzmärkte wieder angesprungen seien und die Banken das für ihre Geschäfte notwendige Kapital wieder leichter auftreiben können, seien sie nicht mehr auf Gelder aus zweifelhafter Herkunft angewiesen.
Drogenpolitik
"Nach Schätzungen der Uno werden weltweit im Drogenhandel weit mehr
als 300 Milliarden Euro jährlich verdient."
Dies zeigt die Größe des Spielfeldes, das eine völlig verfehlte Drogenpolitik der organisierten Kriminalität überlässt. Das legt auch die Vermutung nahe, das diese Politik vielmehr dem Gehorsam des Staates dem Kapital gegenüber geschuldet ist, als dem hilflosen Versuch der Fürsorge den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber.
Auf Deutsch: Der Staat überlässt diese Einnahmequelle dem Kapital absichtlich und nicht aus Dummheit.
Quelle: Spiegel