Das JES-Journal

Die rote Straßenbahn fährt weiter

09.02.2010

Stephanie Schmidt ist tot.
Für die Aktion der Selbsthilfegruppe in der Aidshilfe ist ihr Foto weiter in der Öffentlichkeit zu sehen. Viele kennen ihr Gesicht. Diesen warmen Blick, mit dem sie von der roten Straßenbahn herabblickt. "HIV bestimmt nicht mein Leben." Diesen Spruch hatte sich Steffs, wie sie genannt wurde, als Motto ausgesucht.

Im vergangenen Oktober war die Bahn am Hauptbahnhof zur Jungfernfahrt aufgebrochen. Acht Menschen, die mit Aids leben, stehen mit ihren Gesichtern seither für den offenen Umgang mit der Krankheit. Ein bewegliches Kunstprojekt, das bundesweit einmalig ist. Steffs, Mitglied der Selbsthilfegruppe der Braunschweiger Aids-Hilfe, hatte sich für die Aktion stark gemacht.

Die rote Straßenbahn fährt weiter durch Braunschweig. Stephanie Schmidt ist tot. Sie wurde 44 Jahre alt.

"Aufgeben gilt nicht"

"Aufgeben gilt nicht." Diesen Satz sagte Steffs während eines Pressegesprächs im Juli 2007. "Von ihrer Krankheit ließ sie sich bis zum Ende nicht niederschlagen", schreibt nun ihr Mitstreiter Jean-Luc Tissot, der mit ihr gemeinsam den Weg gegangen ist, sich zur Krankheit zu bekennen. "Solange sie lebte, lebte sie voller Entschiedenheit, freute sich und machte jedem Mut, der sie besuchte."

Für diesen Lebensmut steht ihr großformatiges Foto an der Straßenbahn auch nach ihrem frühen Tod – ein Plädoyer für einen offenen Umgang mit der Krankheit und Respekt gegenüber Infizierten und Erkrankten.

19 Jahre hatte Stephanie Schmidt mit dem Wissen gelebt, HIV-positiv zu sein. "Deine Kinder haben bald keine Mutter mehr", das war anfangs ihr schlimmster Gedanke.

Die Aidshilfe wurde zu ihrem Anker, als Freunde und Verwandte noch nichts ahnten von ihrer lebensbedrohlichen Infektion.

Stephanie Schmidt lernte, mit der Infektion zu leben. "Ich setze mir immer neue Etappen", sagte sie. Irgendwann versteckte sie sich nicht mehr. Im Jahr 2005 gründete sie mit anderen eine Selbsthilfegruppe in der Braunschweiger Aids-Hilfe.

Sie galt als diejenige, die Kontakte knüpfte und pflegte, die immer ein Ohr für andere hatte. Tissot: "Sie war eine herzliche und entschiedene Frau, die ihre Meinung nicht hinter den Berg hielt."

Darüber hinaus arbeitete sie als Suchtberaterin. Ihre Erfahrungen im Drogenbereich machten sie sensibel für Randgruppen. Von einer einfühlsamen Aufmerksamkeit sprechen Weggefährten.

Auf Bundesebene und in der Braunschweiger Aids-Hilfe engagierte sie sich außerdem im Netzwerk von JES (Junkies, Ex-Junkies und Substituierte), wo sie eine führende Rolle hatte.

In den vergangenen Jahren wagte Stephanie Schmidt einen weiteren Schritt: Gemeinsam mit anderen Infizierten ließ sie sich fotografieren. Betroffene gaben Aids auf Flyern und Postkarten ein Gesicht. Noch größere Fußstapfen hinterlassen sie nun mit der Plakatierung einer Straßenbahn der Verkehrs-AG.

"Wir haben uns in die Öffentlichkeit hinein getastet", sagt Jean-Luc Tissot, dessen Porträt ebenfalls auf der Straßenbahn prangt.

Stephanie Schmidt hatte das Projekt vorangetrieben. Ende 2008, als in der Selbsthilfe die Idee entstand, eine Straßenbahn mit Portraits von Betroffenen aus der Region zu gestalten, machte sie sich voller Elan an die Realisierung. Menschen mit Aids sollten nicht mehr stigmatisiert werden. Dafür wollte sie sich einsetzen.

Sie engagierte sich dafür, dass Menschen mit Aids frei leben und arbeiten können, ohne von der diffusen Angst bedrängt zu werden, wegen ihrer Infektion Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, Ablehnung zu erfahren oder bemitleidet zu werden.

Ist die Plakatierung eine übertriebene Zurschaustellung, wie einige Kritiker meinen? "Das ist eine absolut individuelle Entscheidung", betont Tissot. "In Braunschweig hat es unsere Selbsthilfegruppe gestärkt." Zumal die Reaktionen auf das Straßenbahnprojekt bis auf wenige Ausnahmen durchweg positiv seien.

Bundesweites Interesse

Medien und Aidshilfen in anderen Städten schenkten der öffentlichkeitswirksamen Aktion quer durch die Republik ihre Aufmerksamkeit.

Im Dezember verbrachten die Beteiligten einen ganzen Tag in der roten Straßenbahn und sprachen mit Fahrgästen. Bei allen – gerade auch bei Jugendlichen – sei das Projekt gut angekommen, so die Bilanz

.

Die Braunschweiger Verkehrs-AG hat das ursprünglich auf drei Monate begrenzte Projekt bereits um mindestens einen Monat verlängert.

Bis Ende März wird auch das Gesicht von Stephanie Schmidt Fahrgäste und Passanten in Braunschweig begleiten.

Quelle: Newsclick

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